Eine wissenschaftlichere Soziologie? Ja. Aber bitte mit einer wissenschaftlicheren Diagnose.
Armin Nassehi und Irmhild Saake haben mit ihrem Beitrag eine wichtige Debatte angestoßen. Ihr zentraler Appell, dass die Soziologie ihre eigenen normativen Voraussetzungen stärker reflektieren und Beschreibung und Bewertung analytisch sauber trennen sollte, dürfte in der Disziplin auf breite Zustimmung stoßen. Wissenschaft lebt von der Fähigkeit, auch die eigenen disziplinär zentralen Begriffe, Kategorien und Selbstverständlichkeiten zum Gegenstand der Analyse zu machen.
Gerade deshalb überrascht jedoch, wie wenig der Beitrag selbst diesem Anspruch genügt. Die Diagnose einer politisierten, auf Gleichheitsvorstellungen fixierten Soziologie beruht auf einer Reihe von Verallgemeinerungen und begrifflichen Verkürzungen, die weder der Breite der Disziplin noch dem Stand ihrer Forschung gerecht werden.
Bereits der gewählte Aufhänger trägt die weitreichenden Schlussfolgerungen kaum. Die von James Manzi vorgelegte Studie untersucht nicht, ob Soziologinnen und Soziologen „links“ sind. Sie untersucht vielmehr, wie rund 600.000 englischsprachige Abstracts aus den Jahren 1960 bis 2024 von einem Large Language Model anhand einer festen US-amerikanischen Ideologieskala aus dem Jahr 2025 eingeordnet werden. Der Autor selbst betont ausdrücklich, dass nicht die ursprüngliche Intention der Texte oder die politische Selbstverortung ihrer Verfasser:innen gemessen werden soll, sondern ihre Lesbarkeit aus der Perspektive heutiger politischer Kategorien. Zudem beziehen sich die vielzitierten „90 Prozent linker Arbeiten“ lediglich auf den Teil der Abstracts, den das Modell überhaupt als politisch relevant für die aktuellen politischen und sozialen Debatten in der USA klassifiziert hat – und das waren knapp 180.000 von rund 600.000 Abstracts, also gerade einmal 30%. Und diese Abstracts stammten zudem nicht nur aus der Soziologie, sondern aus dem gesamten Spektrum der Sozialwissenschaft. Zwischen dieser Operationalisierung und der Diagnose einer insgesamt „linken Soziologie“ liegt somit ein erheblicher Interpretationsschritt. Aus der automatisierten, linguistisch informierten Einordnung der Themen, Thesen und Schlussfolgerungen von Abstracts folgt weder die politische Orientierung ihrer Autorinnen und Autoren noch die weltanschauliche Ausrichtung einer gesamten wissenschaftlichen Disziplin, noch dazu jenseits der USA.
Hinzu kommt ein zweites Problem. Der Beitrag spricht wiederholt von „der Soziologie“, beschreibt jedoch nahezu ausschließlich Teilbereiche wie die Ungleichheits-, Migrations- oder Geschlechterforschung \- und hier ungesagt, aber offensichtlich gemeint, nur Ausschnitte mit bestimmten theoretischen und methodischen Zugängen. Große Teile der Disziplin, die teilweise ebenfalls zu diesen Themengebieten forschen, bleiben unsichtbar: Methodenforschung, analytische Soziologie, Netzwerkforschung, Organisationssoziologie, Demografie, Europasoziologie oder kausal-analytische Surveyforschung kommen praktisch nicht vor. Das Gleiche gilt für die Sozialstrukturanalyse und die Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Armutsberichterstattung, die zu großen Teilen aus der Soziologie getragen wird. Aus einem Ausschnitt wird ein Gesamtbild konstruiert. Die Diagnose betrifft damit weniger die Soziologie insgesamt als einen spezifischen Teil ihrer Forschungslandschaft.
Noch problematischer erscheint die Darstellung der Ungleichheitsforschung selbst. Nassehi und Saake erwecken den Eindruck, sie erschöpfe sich in der normativen Forderung nach universeller Gleichheit im Sinne eines Heilsversprechens. Tatsächlich besteht ihr Kern seit Jahrzehnten darin, soziale Ungleichheiten zu erklären und zu verstehen, insbesondere, indem deren Entstehung, Reproduktion und Folgen empirisch untersucht werden. Gefragt wird etwa, welche Institutionen Ungleichheiten hervorbringen, welche Funktionen diese erfüllen, welche Nebenfolgen daraus entstehen und unter welchen Bedingungen sich Institutionen verändern. Gerade die von Nassehi hervorgehobene funktionale Analyse gesellschaftlicher „Scharniere“ gehört damit längst zum Standardrepertoire großer Teile der Wohlfahrtsstaats-, Bildungs-, Familien-, Arbeitsmarkt-, Einkommens- und Mobilitätsforschung. Der Gegensatz, den der Beitrag zwischen funktionaler Analyse und Ungleichheitsforschung aufmacht, existiert in dieser Form in der Realität kaum.
Erschwerend kommt hinzu, dass der zentrale Begriff der (Un)Gleichheit bei Nassehi und Saake selbst bemerkenswert unbestimmt bleibt. Um welche erstrebenswerten Güter und Positionen, um welche Dimensionen von Ungleichheit geht es ihnen? Um Einkommen, Vermögen, Gesundheit, politische Teilhabe oder Bildung? Geht es um Chancenungleichheit oder Verteilungsungleichheit? Diese Unterscheidungen gehören ebenso wie die Unterscheidung zwischen Ungleichheit und Differenz sowie Ungleichheit und Ungerechtigkeit zum elementaren Handwerkszeug der Ungleichheitsforschung. Wer sie nicht trifft, läuft Gefahr, sehr unterschiedliche Forschungsprogramme unter einem einzigen Schlagwort zusammenzufassen und ihnen pauschal eine politische Motivation zu unterstellen.
Schließlich erscheint auch die grundsätzliche Kritik an einer normativen Orientierung der Ungleichheitsforschung fragwürdig. Jede wissenschaftliche Disziplin bewegt sich innerhalb gesellschaftlicher Leitvorstellungen. Medizin zielt auf Gesundheit, Ingenieurwissenschaften auf funktionierende und effizientere technische Lösungen, Ökonomie auf Wohlstand oder Wohlfahrt. Niemand fordert deshalb, jede medizinische Studie müsse zunächst diskutieren, ob Gesundheit überhaupt ein erstrebenswertes Ziel sei. Ebenso wenig ist es Ausdruck wissenschaftlicher Einseitigkeit, wenn sich große Teile der Ungleichheitsforschung mit den Ursachen und Folgen ungleicher Bildungschancen oder sozialer Mobilität befassen. Dass demokratische Gesellschaften Chancengleichheit, Gleichberechtigung der Geschlechter und Benachteiligungsverbot als normative Leitprinzipien anerkennen und diese daher in Deutschland im Grundgesetz verankert sind, ist Teil des gesellschaftlichen Rahmens, in dem wissenschaftliche Forschung stattfindet.
Am wenigsten überzeugt schließlich der Blick auf die Studierenden. Dass Studienanfängerinnen und Studienanfänger mit politischen Vorverständnissen, moralischen Intuitionen und gesellschaftlichen Deutungsmustern an die Universität kommen und dass sich junge Menschen mit bestimmten Überzeugungen und Orientierungen in unterschiedliche Fächer selektieren, ist weder überraschend noch problematisch. Es ist vielmehr der Ausgangspunkt akademischer Lehre. Die Aufgabe universitärer Ausbildung besteht gerade darin, diese Vorverständnisse methodisch kontrollierbar zu machen, sie theoretisch zu reflektieren und empirisch zu überprüfen. Wer dies vor allem als Defizit der Studierenden beschreibt, beschreibt weniger ein Problem der Soziologie als eine Selbstverständlichkeit wissenschaftlicher Sozialisation. Und wenn beklagt wird, dass auch Abschlussarbeiten noch unreflektierte Gleichheitsversprechen enthalten, gilt es zu fragen, wie gut die universitäre Ausbildung ihrer Aufgabe eigentlich nachgekommen ist. Aber die genannten Beispiele sind ebenso wenig repräsentativ wie die Beschreibung der Soziologie selbst, die Nassehi und Saake vornehmen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Dissertationen, die in den letzten Jahren für den Peter A. Berger Preis unserer Sektion nominiert wurden.
Gerade weil Nassehi und Saake für mehr wissenschaftliche Distanz plädieren, wäre zu wünschen gewesen, dass sie diesen Anspruch konsequenter auf die eigene Diagnose anwenden. Die Forderung nach mehr theoretischer Selbstreflexion verdient Zustimmung. Die Behauptung einer insgesamt normativ verengten Soziologie hingegen bleibt empirisch zu pauschal und begrifflich zu unscharf, um den Anspruch einer wissenschaftlichen Diagnose einzulösen.
